Die letzten 4 Tage

Donnerstag

Ich fahre am Nachmittag mit den Jungs zu meiner Schwester, wo ich kurzerhand auf dem Sofa zusammen breche und die Jungs von meiner Nichte und meiner Schwester bespielt werden. Gegen 20 Uhr sind wir zu Hause, die Jungs gehen glücklich ins Bett und ich breche erneut, diesmal neben dem Mann, auf dem Sofa zusammen.

Freitag

Der Mann ist krank. Ich höre das an seinen ersten Atemzügen, noch bevor er “Guten Morgen” gesagt hat und bekomme sofort unbändige Panik. Wie soll ich das Wochenende nur ohne seine Hilfe schaffen? Im üblichen Schritt-für-Schritt-Verfahren mache ich die Kinder fertig, bringe sie in den Kindergarten und fahre zur Arbeit. Als ich sie am Machmittag abhole erhalte ich den ersten Statusanruf vom Mann, er sei beim Einkaufen, aber auf dem Heimweg. Die Tatsachen, dass er den Wocheneinkauf bereits alleine erledigt und relativ schwungvoll klang, geben mir wieder Hoffnung, dass er doch nicht so schlimm um ihn bestellt ist.
Zwischendurch ruft meine Mutter an und fragt besorgt, wie es mir geht. Meine Schwester habe ihr erzählt, dass ich erschöpft wäre. Nach all den Jahren ist es nun tatsächlich meine Mutter, die mich aufbaut, die mir sagt, dass das völlig normal und völlig okay wäre. Dass das rein gar nichts über meine Qualitäten als Mutter aussagen würde und dass auch sie solche Phasen durchlebt hätte. Da sie leider kein Auto hat, kann sie nicht vorbei kommen, würde aber sofort, wenn es helfen würde. 
Tatsächlich haben der Mann und ich mit den Jungs noch einen sehr schönen, aber auch anstregenden Nachmittag. Der Mann hat mir vom Einkaufen 3 verschiedene Ben&Jerry’s Töpfe mitgebracht und nach dem Genuss des Erstens rolle ich mich um 21 Uhr erneut schlafend auf dem Sofa zusammen.

Samstag

Ich fahre nach dem Frühstück mit dem Löwenmäulchen zu meiner Mutter. Der Miezmann und der Quietschbeu wollen Männerdinge machen und da sind wir ihnen im Weg, sagt der Mann.
Meine Mutter kocht mir Grießbrei. So, wie Grißbrei sei muss. Dick,  grob, süß. Ich bin ein sehr glücklich. 
Danach fahren wir zu IKEA und ich kaufen Bettzeug für die Jungs sowie dem Quietschbeu endlich einen Satz Töpfe und Rührlöffel. Da er seit einiger Zeit das Kochen für sich entdeckt hat, ist das genau das richtige Geschenk. 
Am Abend koche ich dem Miezmann auf seinem Wunsch hin Möhrenkartoffelstampf, das er mit großer Begeisterung und verliebten Augen ist. Ich bin sehr dankbar, dass ich ihn habe. In diesem Moment und auch sonst. Nachdem die Kinder im Bett sind und ich einen weiteren Topf Ben & Jerry’s geöffnet habe, rolle ich mich auf dem Sofa zusammen und schlafe.

Sonntag

In der Nacht holen wir das glühende Löwenmäulchen zu uns, dass fürchterlich weint und zittert. Ich gebe ihm ein Fieberzäpfchen und nehme es mit in mein Bett. Gegen 4 Uhr hören ich den Mann das erste Mal stören. Er könne nicht schlafen, ihm sei so heiß und so übel … mir schwant schon nichts gutes, aber ändern können wir gerade auch nichts.
Am Morgen  bewahrheitet sich dann das ganze Elend. Löwenmäulchen und der Miezmann habe sich beide eine wunderbar fiebrige Grippe eingefangen. Der Mann klagt über Kopf- und Gliederschmerzen, muss sich erbrechen und ist auch sonst ganz wacklig. Das Löwenmäulchen ist schläfrig, hat glasige Augen, spielt aber tapfer vor sich hin. Lediglich der Quietschbeu hat Energie für drei gesunde Kinder. Nachdem Frühstück frage ich ihn, ob er einen Ausflug zu Tante Mimi machen wolle, worauf er voller Begeisterung vom Stuhl springt und sofort los will. 
Meine Schwester holt ihn schließlich gegen 11.30 Uhr ab. Ein bisschen beruhigen und besänftigen musste ich ihn im Vorfeld doch, da er darauf bestand, dass ich auch mitkomme. Nachdem ich ihm aber mehrfach versichert hatte, dass er am Abend wieder nach Hause käme, verschwand er mit einem breiten Grinsen. 
Seither haben wir geschlafen. Und eine kleinigkeit gegessen. Der Miezmann lutscht Salzstangen und Zwieback, das Löwenmäulchen und ich Bananen und Kiwis. Ich bin erschöpft, nach wie vor. Genieße aber auch die Ruhe mit nur einem Kind. Der kleine Herr Löwenmaul ist nämlich ein “vor sich hin”-Spieler. Der braucht mich nur ganz selten und dann ist es meistens zum Kuscheln und Schmusen.

Was sonst noch war.

Blogleserin Eva schickt mir Globuli, die ich gegen die Übelkeit verwenden soll. Verschiedene Mittel, die ich in verschiedenen Varianten einnehmen kann. Gleich das erste Mittelchen, dass ich gestern Abend zu mir nahm, wirkt bisher ganz wunderbar. Keine stärkere Übelkeit mehr seither. Ob ich das wohl auch dem Mann geben kann?

“Mama weint?”

Heute war so ein Tag – seit ich Kinder habe dürfte das der Dritte oder Vierte gewesen sein – an dem ich am späten Nachmittag den Mann auf der Arbeit anrufe, um ein bisschen in den Hörer zu weinen.

Tatsächlich hatten die Jungs, nachdem wir um 14:30 Uhr vom Kindergarten zuhause waren, an sich gute Laune. Das Löwenmäulchen futterte eine Banane und der Quietschbeu malte mal wieder einen seiner berühmten Flugzeugabstürze („Flugzeug fliegt – daaaaaa lang – fällt da runter – ROMMS – kaputt!“). Man konnte es durchaus ein entspanntes Miteinander nennen.

Ich legte mich danach ein wenig aufs Sofa, was normalerweise gar kein Problem ist. Meist folgen die Miezbeus, legen oder setzen sich mit einem Buch neben mich oder kuscheln auch einfach mal. Das ist  dann meine 20-Minuten-Energietank-Pause. Sseit die Jungs in den Kindergarten gehen, habe ich ja gar keine Mittagspause mehr.

Heute wurde dieses Päuschen jedoch jäh und sehr schmerzhaft beendet. Der Quietschbeu war wohl der Meinung, ich habe nun lang genug geruht und sprang mit Schwung auf mich drauf. Dabei rammte er mir sein Knie gegen das Schambein und die Ellbogen in Magen und Rippen. Ganz kurz konnte ich tatsächlich die Engel singen hören und ihr Sound gefiel mich gar nicht!

Von den plötzlichen Schmerzen ergriffen schrie ich den Quietschbeu natürlich an. Wütend und sehr laut. Der grinste mich nur frech an und hüpfte erneut auf dem Sofa auf und ab, um sich dann aufs Löwenmäulchen fallen zu lassen (das zum Glück zu klein ist, um bösartig getroffen zu werden).

Natürlich habe ich dann geschimpft. Ich hab den Quietschbeu festgehalten, ihm tief in die Augen geschaut und gesagt, dass er das nicht dürfe! Er würde Mama und dem Löwenmäulchen sehr wehtun. Das war ihm heute aber scheinbar egal. Wenn der Quietschbeu übermüdet ist, wird er zum echten Wildschwein.

Er begann dann zu quietschen. Und ja, er trägt seinen Spitznamen weiterhin sehr verdient! Er ist schrill und laut. Seine Stimme überschlägt sich und sein Tonfall hat etwas hysterisch an sich. Die Art von Hysterie, die einen Aggressiv macht. Ich bat ihn das zu lassen, was er wiederum als Aufforderung sah noch lauter und schriller zu kreischen und zu quietschen. Über eine halbe Stunde ging das so. Ich verließ zwischenzeitlich mit dem Löwenmäulchen den Raum, was aber der Wut, die in mir aufkochte, keinen Abbruch tat. Nach einer guten Stunde setzte ich den Quietschbeu dann wortlos in sein Bett. Aber auch das war ihm pieps egal. Er kreischte und schrie und quietschte so unglaublich schrill und laut, dass sich mir die Nackenhaare aufrichteten und ich immer und immer wieder bis zehn zählen musste. Vermutlich hätte ich auch direkt bis 1000 zählen können. Es hätte keinen Unterschied gemacht.

Ich boxte in Sofakissen, hielt mir die Ohren zu, versuchte durch Schmusen und Kuscheln mit dem Löwenmäulchen mehr innere Ruhe wiederzufinden … der Quietschbeu kreischte weiter.

Nach einer Weile holte ich ihn wieder zu uns ins Wohnzimmer. Hauptsächlich, weil ich inzwischen Angst hatte, dass die Nachbarn bald die Polizei rufen würden (das Quietschbeu-Zimmer liegt mit der Wand zu den Nachbarn). Ich versuchte ihn mit Malen, Kochen, Bücher abzulenken. Nichts half. Er kreischte, schrie, quietschte und lachte sich dann kaputt. Inzwischen heulte und weinte das Löwenmäulchen, weil ihm der ganze Lärm und die Hektik natürlich auch nervlich zusetzte.

Das ganze gipfelte also nach zweieinhalb Stunden darin, dass ich den Mann anrief und Rotz und Wasser heulte.

Und als der Quietschbeu sah, dass ich weinen musste, stand er plötzlich neben mir, schaute mich ganz eindringlich an und stellte leise fest: „Mama weint?“

Ich telefonierte noch zu Ende und holte mir beim Miezmann diverse Tschaka-Du-schaffst-das und Durchhalte-Parolen ab. Immerhin ist so ein Mann für eben genau das da! Dann legte ich auf und war innerlich sogar wieder so etwas wie ruhig.

Der Quietschbeu stand immer noch neben mir und sagte erneut:
„Mama weint?“
„Ja, Mama weint. Weil Du heute gar nicht lieb bist!“
„Ich mach Quatsch!“
„Nein, Männlein, das ist kein Quatsch. Das ist ganz ganz doof und blöd. Überhaupt kein lustiger Quatsch. Keiner lacht!“
„Doch! Ich lach!“
„Aber die Mama und das Löwenmäulchen nicht. Uns tut das sehr weh. Im Kopf und in den Ohren. Darum müssen wir weinen.“

Und dann streichelt er meinen Arm und sagt: „Mama, kuscheln?“ Ich hebe ihn hoch und drücke ihn ganz feste an mich. „Drück mich mal feste!“ Und er drückt so feste er kann und gibt mir von sich aus drei feuchte Küsse.

In diesem Moment bin ich sehr glücklich, wenn auch nervlich völlig am Ende. Ich bin stolz, dass ich meine ach so dünnen Nerven unter Kontrolle hatte. Vor meinem geistigen Auge hatte ich die Nerven nämlich mehr als einmal verloren. Sie kennen das vielleicht, wenn Sie eigene Kinder haben, aus deren Säuglings-Non-Stop-Brüll-Phase. Da stellt man sich ja dann durchaus auch mal vor, das Kind aus dem Fenster zu werfen, ohne es wirklich zu tun.

Den Rest des Abends war der Quietschbeu dann wieder gewohnt liebenswürdig und lustig. Wir aßen Wurstnudelkraken und malten noch ein paar Flugzeugabstürze. Zum krönenden Abschluss gab es eine warme Milch und den Sandmann, bevor dann ohne Meckern oder Gezeter ins Bett gehuscht wurde.

Nun ruhe ich wieder in mir. Allerdings todmüde, so als habe ich den halben Tag neben einer Großbaustelle mit Presslufthammer und einer kreischenden Kreissäge gestanden. Wann war gleich nochmal Wochenende?

Kleiner Löwenarsch (?, trotzdem)

Das Löwenmäulchen schubt. Aber fragen Sie nicht wie! Er kreischt beim Essen, egal was man ihm vorsetzt und räumt den gesamten Tisch binnen Sekunden ab, nur um dann wütend aufzuheulen, weil alles am Boden liegt.

Er kreischt und quietscht, sobald man ihn absetzt und schläft ganz ganz ganz furchtbar schlecht. Er wacht stündlich auf, ist völlig außer sich, empört und schlägt nach seiner Wasserflasche, wenn man sie ihm anbietet.

Er will den ganzen Tag nur stillen. Und das, obwohl wir ja schon seit geraumer Zeit nur noch nachts stillen. Das meiste ist wohl nur nuckeln, denn so viel Milch kann eine Miez alleine gar nicht produzieren!!!

Ich bin nach inzwischen Tag 3 ziemlich müde und am Ende. Der Miezmann auch. Da ist die Trotzphase des Quietschbeus fast Erholung gegen. ABER … jeder Schub hat auch ein Ende und erfahrungsgemäß muss ich noch maximal 4 Tage durchhalten. Danach kann das Löwenmäulchen dann eine tolle, neue Sache. Vielleicht Mathe oder Autofahren.

Ächz.

 

Rabaukenmutti

Ich bin ein Morgenmuffel. Zu Hochzeiten war ich sogar eine Morgenfurie. Das aber habe ich mir mit Anschaffung der lieben Kleinen abgewöhnt. Allerdings kollidiert meine wirklich bescheidene Laune am Morgen oft mit dem übersteigerten Welteroberungsdrang des Quietschbeus.

Zum Beispiel heute morgen, als er mit einem Schraubendreher (Spitze nach oben) durch die Schlafetage rannte und johlte. Natürlich ist es unsere Schuld, wenn das Kind überhaupt die Gelegenheit findet, einen Schraubendreher umherzutragen, aber … das ändert in diesem einen Moment, in dem mein Kopfkino Schraubendreher in Augäpfeln spielt, rein gar nichts.

Oder wenn er versucht vom Tripp Trapp zu” rutschen”, so wie er es neuerdings auf der Treppe macht, und dabei mit dem Hinterkopf volles Programm auf dem Sitzbrett aufschlägt, obwohl ich ihm woher hundertmal erklärt und gezeigt habe, wie er absteigen soll.

Der Quietschbeu ist und bleibt ein ausgesprochener Rabauke. Ich bleibe ein genetisch bedingter Morgenmuffel. Hoffen wir, dass das die kommenden 17 Jahre gut gehen wird.

In solchen Momenten jedenfalls denke ich einfach sehr krampfhaft an den ersten Kaffee. Und den zweiten. Na ja, und an den danach auch.

Ohmmmm.

Die Sache mit dem Nachbarn

Ich wollte immer mal die Sache mit dem Nachbarn aufschreiben, habe es dutzendfach auf Twitter angekündigt und doch nie getan. Jetzt scheint mir der Zeitpunkt günstig. Wir ziehen in 3 Wochen aus und meine Lieblingsnachbarin habe ich heute in Vertrauen gezogen. Für alle, die die Vorgeschichte via Twitter nicht kennen, hier eine Zusammenfassung:

Die Nachbarn zogen im Winter 2008 hier ein. Ihn (35) lernten wir während der Renovierungsarbeiten kennen, als wir abends im Dunkeln vom Einkaufen kamen, beide mit schweren Einkäufen und Getränkekästen beladen. Er rief aus der Dunkelheit hinter uns „Ah, die neuen Nachbarn!“, kam auf uns zu und begann, ohne sich namentlich vorzustellen oder die Hand zu reichen mit: „Seid ihr die, die gerade ein Kind bekommen haben oder die, die schwanger sind?“ Wir waren da erst mal baff, antworteten aber höflich, wir seien die, die schwanger sind. In den folgenden 15 Minuten erzählte der neue Nachbar dann seine Lebensgeschichte. Im vorletzten Jahr einen Sohn bekommen, der erkrankte sehr stark, starb fast, überlebte, seine Frau erkrankte an Krebs, sie lebten bisher in einer 2-Zimmer-Wohnung in StadtX mit einer Katze – „Oh, Katzen haben wir auch“, lächelte ich zwischen bedrückten und anteilnehmenden Kopfnicken (soweit das bei einem gänzlich Fremden möglich ist) und „Oh“s  – das Scheißvieh sein sie nun aber endlich los, weil der Sohn eine Allergie hätte …

Wir kämpften uns aus dieser Unterhaltung mit irgendwelchen Gründen heraus und verschwanden in unserer Wohnung. Woher der Nachbar bereits so viel über uns wusste konnten wir nur ahnen. Dass er uns aber direkt mit seiner traurigen Lebensgeschichte so mit der Tür ins Haus fallen musste, stieß mir übel auf, ich entschuldigte es aber erst mal mit dem Glauben, er würde das Erlebte auf diese Art und Weise verarbeiten.

Es dauerte nicht lange bis sich herausstellte, dass der Nachbar aber immer so ist. Krankhaft Mitteilungsbedürftig. In derartig überzogenem Maße, das kann man sich kaum vorstellen. Neugierig und Überfürsorglich. Das kommt noch hinzu.

Es entwickelte sich recht schnell eine Eigendynamik, dass sobald ich den Hausflur betrat, ob von draußen kommend oder nach draußen wollend, er mir über die Füße lief. Am Anfang ließ ich mich in Gespräche verwickeln, erfuhr so immer mehr privates Zeug, das mich nichts anging. Ich hatte aber nie genug Mut ihm das zu sagen. Also harrte ich lächelnd aus.

Als es mir irgendwann zu bunt wurde und er mir sogar spät abends im Keller begegnete – zufällig, natürlich – schwenkte ich meine Haltung ins Distanzierte um, grüßte nur noch rasch und beeilte mich davon zu kommen. Das ging eine Weile ganz gut, auch wenn ich mich dabei schäbig fühlte, weil ich es an sich als fürchterlich unhöflich und feige empfand.

Dann kam der Sommer und ich verbrachte viel Zeit mit dem Quietschbeu im Gemeinschaftsgarten. Grundsätzlich konnte man hier nicht 2 Minuten alleine sein, weil sofort die Terrassentür aufging, wenn ich mein Baby auf eine Decke legte oder ein Jahr später in den Sandkasten setzte, und mir erneut ein Gespräch aufgedrückt wurde. Ich passte die Schlafenszeiten des Nachbarsohnes ab, um mit meinem Kind und vielleicht der Lieblingsnachbarin und deren Tochter mal alleine zu sein, interessante Gespräche zu führen oder auch mal nur zu lesen. Das führte aber nur dazu, dass der Nachbarssohn umgehend aus dem Mittagsschlaf gerissen wurde, wenn wir den Garten betraten.

In einem dieser unzähligen Unterhaltungen, denen ich es nicht schaffte aus dem Weg zu gehen, begann der Nachbar über seine Frau zu meckern. Ich blieb neutral. Sagte sowas wie „Das hast Du doch vorher gewusst“ und bemerkte zu spät, dass ich mich mit dieser neutralen zuhörenden Haltung zu seinem liebsten Gesprächspartner machte. Ich versuchte es irgendwann mit „Das geht mich nichts an“, was er aber abtat.

Dann begann er mich mit Lob zu überhäufen. Ich sei so direkt, so ehrlich, so taff (ahahah), so lustig. Wir würden Leben, während seine Frau immer nur pingelich sei und er immer nur angeschissen würde, dass er dieses und jenes sofort aufräumen und saubermachen müsste. Es stimmt schon, dass seine Frau ein Putzteufel ist. Im dermaßen übertriebener Art und Weise, dass ich es echt schon für krankhaft halte. Aber hey, das hatte er doch vorher gewusst.

Es nervte mich, dass sobald er unsere Wohnung betritt, er unbedingt loben muss, wie gemütlich es bei uns sei, auch wenn es tatsächlich nur völlig unaufgeräumt ist. Stellenweise kam ich mir verarscht vor, aber dieser Mensch meint das ernst.

Dann begannen die Lehrgänge des Miezmannes und der Nachbar sah sich berufen, sich um mich zu kümmern. Jeden Tag stand er unter einem anderen Vorwand vor der Tür. Und die Vorwände waren stellenweise komödiantischer Natur, wenn man genauer drüber nachdenkt. Ich hielt es aus, indem ich mir stets bewusst machte, dass der Miezmann ja freitags wieder da sein würde.

Dann fuhr der Miezmann auf seine zehnwöchtige Geschäftsreise. Und der Nachbar trieb sein aufdringliches, in meine Privatsphäre eindringendes Verhalten auf die Spitze. Wenn ich auf den Hof fuhr musste er definitiv etwas an seinem Auto, Postkasten oder seiner Wohnungstür fummeln. Immer. Egal zu welcher Tages oder Nachtzeit ich in den Keller ging, er war da. Er arbeitet im Schichtdienst und leider bin ich nie dahinter gestiegen, wann er da ist und wann nicht. Subjektiv habe ich das Gefühl, er ist immer da!

Er hat die Wohnungstür immer sperrangelweit auf stehen, weil man im Hausflur stehend alles mitbekommt, was in den Wohnungen vor sich geht. In den Wohnungen selber hört man nichts von den Nachbarn. Aber im Flur selber ist es sehr hellhörig. Allein das finde ich schon eine Frechheit. Der sitzt am Esstisch und macht irgendwas und hat dabei die Wohnungstür auf, an der 5 von 6 Parteien zwangsläufig vorbei müssen, wenn sie nach Hause kommen oder gehen.

Er fragte mich mal, was wir (der Miezmann und ich) abends machen würde. Man würde nie was von uns hören und sehen, wenn wir Zuhause wären (alleine die Frage?!?). Ich antwortete, dass wir uns unterhalten würden, kochen, essen oder auch gemeinsam Fernsehen schauen. Der Miezmann und ich, wir reden viel miteinander. Ist ja auch nicht ganz unwichtig in einer Ehe/Beziehung. Er meinte daraufhin, dass sie sich nie unterhalten würden. Ich brach die Unterhaltung mal wieder unter Vorwand ab.

Auch wurde mir permanent aufgedrängt mich doch abends zu ihnen aufs Sofa zu setzen. Wenn ich sagte, ich würde abends gerne in Ruhe auf meinem Sofa sitzen und Fernsehen, dann entgegnete er mir, dass könne ich bei ihnen doch auch. Irgendwann sagte ich mal ziemlich schnippisch, dass ich kein Problem damit hätte, mit mir und meinen Gedanken alleine zu sein. Ich denke, den Seitenhieb hat er nicht verstanden. Er hat meine schnippischen, offenen und teilweise unhöflichen Reaktionen immer damit gelobt, dass ich so ein ehrlicher Mensch wäre. Fürchterlich.

Seine Frau steht ihm in Mitteilungsbedürftigkeit in nichts nach, hat dabei aber eine charmante Art und Weise, wobei ich mir sicher bin, dass sie auch über mich/uns tratscht, eben weil sie nicht anders kann. Da steh ich aber drüber. Jedenfalls berichtete sie mir kürzlich, dass sie nun ein zweites Kind haben wollen. Im Folgegespräch erfuhr ich dann wann sie sich die Spirale ziehen ließ, wann sie Geschlechtsverkehr hatten und haben werden und  wie das alles so geplant ist. Und ich steh da, nicke mal wieder anteilnehmend und möchte wegrennen.

Eine Woche drauf steht der Nachbar bei mir in der Wohnung, wie jeden Tag, diesmal unter einem anderen banalen Vorwand, und erklärt mir, nachdem er meine Unordnung gelobt hat, dass er die Flinte längst ins Korn geworfen hätte, wenn da nicht der Sohn wäre. Ich sage „Aber Du hast das (das sie so ist wie sie ist) doch vorher gewusst“ und da antwortet er zum ersten Mal auf meine Phrase mit „Ja, das hab ich wohl ausgeblendet in der ersten Verliebtheit“. Äh, die Leute sind seit 5 Jahren verheiratet. Wann war denn das mit der ersten Verliebtheit vorbei? Vor dem ersten Kind (der wird jetzt 3) oder erst danach? Denke ich, sage es aber nicht.

Im Nachhinein wurde mir bewusst wie fürchterlich ich es finde, dass man gemeinsam ein Kind plant, das mit dem kompletten Umfeld teilt und der Mann derweilen bei der Nachbarin im Wohnzimmer steht und sagt, er würde alles hinwerfen wäre da nicht Kind1. Ich will das alles nicht wissen. Es geht mich nichts an! Ich mag ihn nicht mal, den Nachbarn! Aber ich kriege das Maul nicht auf. Ich kann ihn nicht zurück oder in seine Schranken weisen. Steht er vor mir, bin ich wieder nur auf Höflichkeit gepolt. Ich doofe Kuh!

Letzte Woche stand er in meinem Flur, bekam Pipi in den Augen und sagte, seine Oma sei gestorben. Ich nahm sofort den Quietschbeu auf den Arm, damit er nicht auf die Idee kam, mir um den Hals zu fallen, oder so. Distanz schaffen!

Ich weiß, dass ich in großem Maße selber schuld bin, dass der Nachbar mir so auf die Pelle rückt. Ich hätte ihn frühzeitig in seine Schranken weisen sollen, habe es aber nie hinbekommen, weil ich immer Angst vor der Reaktion hatte, weil ich nicht unhöflich wirken wollte.

Ich hasse es, Flurgespräch zu sein. Ob positiv oder negativ. Und es hat tatsächlich meinen Wohlfühlfaktor in diesem Haus arg belastet, dass der Nachbar ist wie er ist und ich bin wie ich bin. Der Umzug, jetzt, so kurzfristig, ist auch ein bisschen Flucht.

Ende des kommenden Monats werde ich 30 und zeitgleich wollen wir den Einzug ins Haus feiern. Ich wollte meine Lieblingsnachbarin mit Mann und Tochter (2) – die objektiv betrachtet ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn hat – gerne einladen, wusste aber nicht wie ich das anstellen soll, ohne dass die Nachbarn davon Wind bekommen würden und mich fragen würden, wann und wo und wie … die sind nämlich so (dumm) dreist, wenn Sie verstehen.

Also blieb mir nur die Flucht nach vorne. Von meiner Schwester bestärkt diesen Schritt zu gehen sprach ich die Lieblingsnachbarin also an, erklärte mich kurz und erntete zu meiner eigenen Verwunderung: Verständnis.

Zwar spricht der Nachbar mit ihr nicht über seine Frau, aber mitteilungsbedürftig ist er bei ihnen auch, setzt sich mal kurz und uneingeladen 3 Stunden bei denen aufs Sofa, kennt kein Ende und vor allem keine Privatsphäre. Ganz so aufdringlich wie bei mir ist er jedoch nicht, was aber vermutlich daran liegt, dass der Mann der Lieblingsnachbarin nicht gerade 10 Wochen auf Geschäftsreise ist.

Mir tut es ein bisschen um die Frau des Nachbarn leid, aber meine aktuelle Angst ist es wirklich, dass er unangemeldet irgendwann vor unserer Haustür steht. Daher will ich nicht einmal, dass er die neue Adresse erfährt. Ich will ihn einfach nur aus meinem Leben verbannen, auch wenn die Gefahr besteht, ihn irgendwo irgendwann wiederzutreffen.

Noch 3 Wochen höflich sein. In meinem Kopf verabschiede ich mich hier mit einem großen verbalen Knall. Schade, dass ich nur theoretisch so mutig bin.

3 Wochen noch.