Ich wollte immer mal die Sache mit dem Nachbarn aufschreiben, habe es dutzendfach auf Twitter angekündigt und doch nie getan. Jetzt scheint mir der Zeitpunkt günstig. Wir ziehen in 3 Wochen aus und meine Lieblingsnachbarin habe ich heute in Vertrauen gezogen. Für alle, die die Vorgeschichte via Twitter nicht kennen, hier eine Zusammenfassung:
Die Nachbarn zogen im Winter 2008 hier ein. Ihn (35) lernten wir während der Renovierungsarbeiten kennen, als wir abends im Dunkeln vom Einkaufen kamen, beide mit schweren Einkäufen und Getränkekästen beladen. Er rief aus der Dunkelheit hinter uns „Ah, die neuen Nachbarn!“, kam auf uns zu und begann, ohne sich namentlich vorzustellen oder die Hand zu reichen mit: „Seid ihr die, die gerade ein Kind bekommen haben oder die, die schwanger sind?“ Wir waren da erst mal baff, antworteten aber höflich, wir seien die, die schwanger sind. In den folgenden 15 Minuten erzählte der neue Nachbar dann seine Lebensgeschichte. Im vorletzten Jahr einen Sohn bekommen, der erkrankte sehr stark, starb fast, überlebte, seine Frau erkrankte an Krebs, sie lebten bisher in einer 2-Zimmer-Wohnung in StadtX mit einer Katze – „Oh, Katzen haben wir auch“, lächelte ich zwischen bedrückten und anteilnehmenden Kopfnicken (soweit das bei einem gänzlich Fremden möglich ist) und „Oh“s – das Scheißvieh sein sie nun aber endlich los, weil der Sohn eine Allergie hätte …
Wir kämpften uns aus dieser Unterhaltung mit irgendwelchen Gründen heraus und verschwanden in unserer Wohnung. Woher der Nachbar bereits so viel über uns wusste konnten wir nur ahnen. Dass er uns aber direkt mit seiner traurigen Lebensgeschichte so mit der Tür ins Haus fallen musste, stieß mir übel auf, ich entschuldigte es aber erst mal mit dem Glauben, er würde das Erlebte auf diese Art und Weise verarbeiten.
Es dauerte nicht lange bis sich herausstellte, dass der Nachbar aber immer so ist. Krankhaft Mitteilungsbedürftig. In derartig überzogenem Maße, das kann man sich kaum vorstellen. Neugierig und Überfürsorglich. Das kommt noch hinzu.
Es entwickelte sich recht schnell eine Eigendynamik, dass sobald ich den Hausflur betrat, ob von draußen kommend oder nach draußen wollend, er mir über die Füße lief. Am Anfang ließ ich mich in Gespräche verwickeln, erfuhr so immer mehr privates Zeug, das mich nichts anging. Ich hatte aber nie genug Mut ihm das zu sagen. Also harrte ich lächelnd aus.
Als es mir irgendwann zu bunt wurde und er mir sogar spät abends im Keller begegnete – zufällig, natürlich – schwenkte ich meine Haltung ins Distanzierte um, grüßte nur noch rasch und beeilte mich davon zu kommen. Das ging eine Weile ganz gut, auch wenn ich mich dabei schäbig fühlte, weil ich es an sich als fürchterlich unhöflich und feige empfand.
Dann kam der Sommer und ich verbrachte viel Zeit mit dem Quietschbeu im Gemeinschaftsgarten. Grundsätzlich konnte man hier nicht 2 Minuten alleine sein, weil sofort die Terrassentür aufging, wenn ich mein Baby auf eine Decke legte oder ein Jahr später in den Sandkasten setzte, und mir erneut ein Gespräch aufgedrückt wurde. Ich passte die Schlafenszeiten des Nachbarsohnes ab, um mit meinem Kind und vielleicht der Lieblingsnachbarin und deren Tochter mal alleine zu sein, interessante Gespräche zu führen oder auch mal nur zu lesen. Das führte aber nur dazu, dass der Nachbarssohn umgehend aus dem Mittagsschlaf gerissen wurde, wenn wir den Garten betraten.
In einem dieser unzähligen Unterhaltungen, denen ich es nicht schaffte aus dem Weg zu gehen, begann der Nachbar über seine Frau zu meckern. Ich blieb neutral. Sagte sowas wie „Das hast Du doch vorher gewusst“ und bemerkte zu spät, dass ich mich mit dieser neutralen zuhörenden Haltung zu seinem liebsten Gesprächspartner machte. Ich versuchte es irgendwann mit „Das geht mich nichts an“, was er aber abtat.
Dann begann er mich mit Lob zu überhäufen. Ich sei so direkt, so ehrlich, so taff (ahahah), so lustig. Wir würden Leben, während seine Frau immer nur pingelich sei und er immer nur angeschissen würde, dass er dieses und jenes sofort aufräumen und saubermachen müsste. Es stimmt schon, dass seine Frau ein Putzteufel ist. Im dermaßen übertriebener Art und Weise, dass ich es echt schon für krankhaft halte. Aber hey, das hatte er doch vorher gewusst.
Es nervte mich, dass sobald er unsere Wohnung betritt, er unbedingt loben muss, wie gemütlich es bei uns sei, auch wenn es tatsächlich nur völlig unaufgeräumt ist. Stellenweise kam ich mir verarscht vor, aber dieser Mensch meint das ernst.
Dann begannen die Lehrgänge des Miezmannes und der Nachbar sah sich berufen, sich um mich zu kümmern. Jeden Tag stand er unter einem anderen Vorwand vor der Tür. Und die Vorwände waren stellenweise komödiantischer Natur, wenn man genauer drüber nachdenkt. Ich hielt es aus, indem ich mir stets bewusst machte, dass der Miezmann ja freitags wieder da sein würde.
Dann fuhr der Miezmann auf seine zehnwöchtige Geschäftsreise. Und der Nachbar trieb sein aufdringliches, in meine Privatsphäre eindringendes Verhalten auf die Spitze. Wenn ich auf den Hof fuhr musste er definitiv etwas an seinem Auto, Postkasten oder seiner Wohnungstür fummeln. Immer. Egal zu welcher Tages oder Nachtzeit ich in den Keller ging, er war da. Er arbeitet im Schichtdienst und leider bin ich nie dahinter gestiegen, wann er da ist und wann nicht. Subjektiv habe ich das Gefühl, er ist immer da!
Er hat die Wohnungstür immer sperrangelweit auf stehen, weil man im Hausflur stehend alles mitbekommt, was in den Wohnungen vor sich geht. In den Wohnungen selber hört man nichts von den Nachbarn. Aber im Flur selber ist es sehr hellhörig. Allein das finde ich schon eine Frechheit. Der sitzt am Esstisch und macht irgendwas und hat dabei die Wohnungstür auf, an der 5 von 6 Parteien zwangsläufig vorbei müssen, wenn sie nach Hause kommen oder gehen.
Er fragte mich mal, was wir (der Miezmann und ich) abends machen würde. Man würde nie was von uns hören und sehen, wenn wir Zuhause wären (alleine die Frage?!?). Ich antwortete, dass wir uns unterhalten würden, kochen, essen oder auch gemeinsam Fernsehen schauen. Der Miezmann und ich, wir reden viel miteinander. Ist ja auch nicht ganz unwichtig in einer Ehe/Beziehung. Er meinte daraufhin, dass sie sich nie unterhalten würden. Ich brach die Unterhaltung mal wieder unter Vorwand ab.
Auch wurde mir permanent aufgedrängt mich doch abends zu ihnen aufs Sofa zu setzen. Wenn ich sagte, ich würde abends gerne in Ruhe auf meinem Sofa sitzen und Fernsehen, dann entgegnete er mir, dass könne ich bei ihnen doch auch. Irgendwann sagte ich mal ziemlich schnippisch, dass ich kein Problem damit hätte, mit mir und meinen Gedanken alleine zu sein. Ich denke, den Seitenhieb hat er nicht verstanden. Er hat meine schnippischen, offenen und teilweise unhöflichen Reaktionen immer damit gelobt, dass ich so ein ehrlicher Mensch wäre. Fürchterlich.
Seine Frau steht ihm in Mitteilungsbedürftigkeit in nichts nach, hat dabei aber eine charmante Art und Weise, wobei ich mir sicher bin, dass sie auch über mich/uns tratscht, eben weil sie nicht anders kann. Da steh ich aber drüber. Jedenfalls berichtete sie mir kürzlich, dass sie nun ein zweites Kind haben wollen. Im Folgegespräch erfuhr ich dann wann sie sich die Spirale ziehen ließ, wann sie Geschlechtsverkehr hatten und haben werden und wie das alles so geplant ist. Und ich steh da, nicke mal wieder anteilnehmend und möchte wegrennen.
Eine Woche drauf steht der Nachbar bei mir in der Wohnung, wie jeden Tag, diesmal unter einem anderen banalen Vorwand, und erklärt mir, nachdem er meine Unordnung gelobt hat, dass er die Flinte längst ins Korn geworfen hätte, wenn da nicht der Sohn wäre. Ich sage „Aber Du hast das (das sie so ist wie sie ist) doch vorher gewusst“ und da antwortet er zum ersten Mal auf meine Phrase mit „Ja, das hab ich wohl ausgeblendet in der ersten Verliebtheit“. Äh, die Leute sind seit 5 Jahren verheiratet. Wann war denn das mit der ersten Verliebtheit vorbei? Vor dem ersten Kind (der wird jetzt 3) oder erst danach? Denke ich, sage es aber nicht.
Im Nachhinein wurde mir bewusst wie fürchterlich ich es finde, dass man gemeinsam ein Kind plant, das mit dem kompletten Umfeld teilt und der Mann derweilen bei der Nachbarin im Wohnzimmer steht und sagt, er würde alles hinwerfen wäre da nicht Kind1. Ich will das alles nicht wissen. Es geht mich nichts an! Ich mag ihn nicht mal, den Nachbarn! Aber ich kriege das Maul nicht auf. Ich kann ihn nicht zurück oder in seine Schranken weisen. Steht er vor mir, bin ich wieder nur auf Höflichkeit gepolt. Ich doofe Kuh!
Letzte Woche stand er in meinem Flur, bekam Pipi in den Augen und sagte, seine Oma sei gestorben. Ich nahm sofort den Quietschbeu auf den Arm, damit er nicht auf die Idee kam, mir um den Hals zu fallen, oder so. Distanz schaffen!
Ich weiß, dass ich in großem Maße selber schuld bin, dass der Nachbar mir so auf die Pelle rückt. Ich hätte ihn frühzeitig in seine Schranken weisen sollen, habe es aber nie hinbekommen, weil ich immer Angst vor der Reaktion hatte, weil ich nicht unhöflich wirken wollte.
Ich hasse es, Flurgespräch zu sein. Ob positiv oder negativ. Und es hat tatsächlich meinen Wohlfühlfaktor in diesem Haus arg belastet, dass der Nachbar ist wie er ist und ich bin wie ich bin. Der Umzug, jetzt, so kurzfristig, ist auch ein bisschen Flucht.
Ende des kommenden Monats werde ich 30 und zeitgleich wollen wir den Einzug ins Haus feiern. Ich wollte meine Lieblingsnachbarin mit Mann und Tochter (2) – die objektiv betrachtet ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn hat – gerne einladen, wusste aber nicht wie ich das anstellen soll, ohne dass die Nachbarn davon Wind bekommen würden und mich fragen würden, wann und wo und wie … die sind nämlich so (dumm) dreist, wenn Sie verstehen.
Also blieb mir nur die Flucht nach vorne. Von meiner Schwester bestärkt diesen Schritt zu gehen sprach ich die Lieblingsnachbarin also an, erklärte mich kurz und erntete zu meiner eigenen Verwunderung: Verständnis.
Zwar spricht der Nachbar mit ihr nicht über seine Frau, aber mitteilungsbedürftig ist er bei ihnen auch, setzt sich mal kurz und uneingeladen 3 Stunden bei denen aufs Sofa, kennt kein Ende und vor allem keine Privatsphäre. Ganz so aufdringlich wie bei mir ist er jedoch nicht, was aber vermutlich daran liegt, dass der Mann der Lieblingsnachbarin nicht gerade 10 Wochen auf Geschäftsreise ist.
Mir tut es ein bisschen um die Frau des Nachbarn leid, aber meine aktuelle Angst ist es wirklich, dass er unangemeldet irgendwann vor unserer Haustür steht. Daher will ich nicht einmal, dass er die neue Adresse erfährt. Ich will ihn einfach nur aus meinem Leben verbannen, auch wenn die Gefahr besteht, ihn irgendwo irgendwann wiederzutreffen.
Noch 3 Wochen höflich sein. In meinem Kopf verabschiede ich mich hier mit einem großen verbalen Knall. Schade, dass ich nur theoretisch so mutig bin.
3 Wochen noch.