Als ich gestern abend in der Waschküche war kam eine Nachbarin dazu, die deutilch auf Schnacken aus war. Also unterhalten wir uns ein wenig, während ich meinen Trockner und die Waschmaschine einräume. Als wir nach oben gehen, will sie noch kurz im Flur stehen und weiter quatschen. Sie ist eine ausgesprochene Quasselstrippe. Doch ich höre sofort, dass was nicht stimmt. Als ich ihr ein Zeichen gebe kurz den Schnabel zu halten hört man ganz leise ein sehr hysterisches Schreien. Ich wusste sofort, dass das der Quietschbeu ist. Und wenn man ihn bis in den Hausflur hören konnte, dann war wirklich Holland in Not. Ich sprinte also die Treppe hoch und die Nachbarin ruft noch: „Das ist Dein Kleiner, oder?“ – „Nein, das ist der Quietschbeu!“
Natürlich hatte ich Recht. Als ich in sein Zimmer stürze steht er im Bett, ringt nach Luft, knallrot, pitschnass und völlig verkrampft. Ich nehme ihn sofort auf den Arm und er klammert sich an mich, schreit mir dabei aber mit vollem Volumen und in der schrillsten Tonlage die er hat ins Ohr. Mehrfach. Ich beiße die Zähne auf einander und wiederstehe dem Drang ihn einfach fallenzulassen. Körperlicher Schmerz und so. Sie wissen schon.
Doch er beruhigt sich nicht. Wir gehen ins Wohnzimmer. Er schreit. Ich ziehe ihm den Schlafsack aus. Er schreit. Ich biete ihm etwas zu Trinken an. Er schreit. Ich stelle ihn hin. Er schreit. Ich nehme ihn wieder hoch. Er schreit. Ich gehe wieder mit ihm in sein Zimmer. Er schreit. Ich verdunkle bis auf ein kleines Licht alles. Er schreit. Ich setze mich auf den Fußboden, stelle seine Trinkflasche vor mich und warte. Da tippelt er auf die Flasche zu, nimmt sie und wirft sie volles Programm gegen die Zimmertür. Das macht er noch zweimal, bis ich ihm die Flasche dann abnehme. Stattdessen schlägt er dann gegen die Heizung, die Tür. Er ist wie von Sinnen.
Inzwischen sind gute 30 Minuten vergangen. Ich gebe ihm Bachblüten.
Dann ziehe ich ihm einen dünnen Sommersack an, lege ihn sein Bett wo es eine Weile dauert, bis ich ihn dazu überreden kann, sich hinzulegen und sich zudecken zu lassen. Er schluchzt und schluchzt und schluchzt. Eine halbe Stunde lang muss ich meine Hand an seiner Wange liegen lassen, bis er endlich eingeschlafen zu sein scheint. Eine schier endlose halbe Stunde, in der ich immer wieder abwäge, ob ich möglicherweise mit in das Gitterbett passe und ob es mich wohl mit trägt oder zusammenbrechen würde. Da er „sowas wie schläft“, traue ich mich nicht ihn wieder aus dem Bett und mit in meines zu nehmen.
Als ich schließlich sein Zimmer verließ, gerade die Tür leise hinter mir zuziehen möchte, beginnt das Löwenmäulchen zu schreien. Ich bin wirklich überrascht, weil er sich sonst nie vor 3 Uhr nachts meldet. Als ich ins Schlafzimmer komme und mich über ihn beuge ist auch sofort klar, dass er schlimme Bauchkrämpfe haben muss. Er windet sich, jammert, quiekt, weint. Ich nehme ihn hoch, schuckel ein bisschen und lege ihn an. Das beruhigt ihn sofort. Doch kaum liegen wir beide, beginnt der Quietschbeu erneut in seinem Zimmer fürchterlich zu weinen.
So gehe ich kurzerhand rüber und nehme ihn auch noch mit in mein Bett. Das Löwenmäulchen lege ich zwischen uns, damit ich es stillen und zeitgleich den Quietschbeu kuscheln kann. Hätte ich mir früher auch nicht geträumt. Stereoberuhigen und –ksucheln.
Der Quietschbeu schläft ratz fatz wieder ein und auch das Löwenmäulchen scheint alsbald im Land der Träume. Da der Quietschbeu einen recht wilden Schlaf hat, versuche ich das Löwenmäulchen wieder in sein angestelltes Babybett zu legen und mit einem Stillkissen vor seinem Bruder zu schützen, als es urplötzlich hinter mir aus der Dunkelheit „Huiiiii Buuuuuh!“ quietscht und ich eine Boo ins Gesicht bekomme. Der Quietschbeu saß kerzengrad hinter mir, grinste mich sehr breit an – so ein bisschen wie der Grinsekater aus Alice im Wunderland – und begann dann in seine Wort-Gestik-Laut-Sprache Wasserfallartig auf mich einzuquatschen. Mitten im seinem Erzählen reißt er dann beide Arme in die Luft, sagt sehr kurz und knapp „So!“ und fällt wie ein Baumstamm zur Seite um.
Ich hatte im ersten Moment ernsthaft Angst. Das war eine so gruselige Szene.
Ich warte eine viertel Stunde ab, nur um immer wieder solche Szenen zu erleben. Letztendlich entschließe ich mich, den Quietschbeu doch wieder in sein Bett zu bringen. Zeitweise stand er nämlich im Bett und rüttelte lachend am Kopfteil. Wer weiß, was er sonst noch im Schlaf angestellt hätte. Wohlmöglich wäre er auf das Löwenmäulchen gefallen oder hätte die Schlafzimmertür aufgemacht und wäre die Wendeltreppe runter gestürzt. Nix für meine Nerven.
Zum Glück schlief er dann in seinem Bett auch sofort weiter.
Als ich um 23:30 Uhr wieder nach unten gehe bin ich restlos erschöpft. Das waren die wohl anstrengendsten 2 Stunden seitdem ich mit den Jungs alleine bin. Und Sorgen macht mir das Geschlafwandle auch, da ich weiß, dass der Miezmann als Kind so stark Schlafwandelte, dass man alles weg und abschließen musste.
Um 4 Uhr hat der Quietschbeu eine erneute halbstündige Schreiphase, von der ich mir aber nicht sicher bin, ob es nur ein ausgeprägter Nachtschreck war. Möglicherweise hatte er auch ernsthaft Schmerzen, da das Zahnfleisch um die obere rechte Eckzahnspitze, die bereits durchgebrochen ist, arg geschwollen war. Natürlich war das Osanit alle. Erst habe ich ihn eine Weile auf dem Arm, trage ihn im Kreis, dann streichle ich ihn, während er Schluchzend im Bett liegt, bis er schließlich wieder eingeschlafen ist.
Heute Morgen ist er nahezu ein Sonnenscheinkind. Sieht man mal davon ab, dass er seit heute seinen Tripp Trap als Klettergerüst nutzt und mich so schon gute 10 Mal an den Rand einen Nervenzusammenbruchs gebracht hat. Dann machen wir den Bügel nun also ab.