Hebammenbesuch in der 25.SSW

Gestern war meine Hebamme mal wieder auf einen Kaffee zu Besuch. Natürlich kam sie zu spät, diesmal allerdings tatsächlich nur 10 Minuten. Dafür blieb sie wie immer zu lang und ich musste die Jungs anschließend im Laufschritt vom Kindergarten abholen (und vergaß vor lauter Eile meine Mütze und meine Handschuhe. Oar!).

Da es mir derzeit eigentlich sehr gut geht – zumindest Schwangerschaftstechnisch – waren nicht viele Fragen zu klären. Claudia zeigte mir eine weitere Übung zur Stabilisierung meiner Symphyse und riet mir erneut, nicht mehr so oft auf dem Rücken zu liegen. Letzteres ist leichter gesagt, als getan, da das Löwenmäulchen derzeit gerne auch mal wieder eine ganze Nacht auf mir drauf schlafen möchte. Zwar ist der Kerl in zwischen nicht nur ziemlich lang, sondern auch gefühlte Tonnen schwer (so 8 bis 10 Kilo werden es sein, ich weiß es nicht genau), aber das hält ihn nicht davon ab, seinen Kopf auf meiner Brust betten zu wollen und seine Beine links und rechts meine Hüfte hinunter hängen zu lassen. Ja, er liegt also quasi auf dem Babybauch drauf. Das Maimiez scheint‘s bis dato nicht zu stören. Mich auch nicht wirklich.

Der Bauch hat nun einen Umfang von 103cm und der Maimiez-Herzschlag ist wunderbar gleichmäßig und unauffällig. Wir unterhielten uns folglich über meine Ängste, die man ja in jeder Schwangerschaft mit sich rum schleppt.

In dieser Schwangerschaft sind meine Ängste folgende:

  • Ich habe höllische Angst vor einer Sturzgeburt. Wenn die Wehen so schnell kommen, dass ich die Situation nicht mehr beeinflussen kann und das Maimiez zuhause am Esstisch verliere … das wäre meine Horrorvorstellung. Nicht, dass es zuhause passieren würde, sondern das Tempo, die Geschwindigkeit. Zwei, drei Stunden darf die Geburt schon dauern. Das ist für meinen Kopf und ganz sicher auch für meinen Körper besser. Auch möchte ich bitte nicht alleine sein. Der Miezmann sollte mindestens zugegen sein.
  • Noch mehr Angst habe ich vor der Autofahrt ins Krankenhaus. Bei der Löwenmäulchengeburt waren die 3 Minuten von der Haustür bis zum Krankenhaus schon die Hölle und die fuhren wir in einer Wehenpause! Claudia riet mir daher dazu, mich auf jeden Fall auf die Rückbank in den Vierfüßlerstand zu knien und mich bloß nicht auf den Beifahrersitz zu setzen. Egal, ob das verboten wäre oder nicht. 25 Minuten Autofahren mit Geburtswehen muss niemand im Sitzen ertragen!

Wir sprachen auch ein wenig über die Geburt und was ich mir diesmal so vorstelle. Ehrlicherweise stelle ich mir diesmal einfach gar nichts vor. Meine beiden vergangenen Geburten verliefen jedes Mal anders, als geplant oder vorgestellt. Es kommt eh, wie es in diesem Moment passt und das kann man nicht im Voraus – und schon gar nicht so weit im Voraus – planen. Eine Option, die ich mir gerne offenhalten möchte, ist eine Geburt im Stehen. In den Kreißsälen unseres Krankenhauses gibt es Sprossenwände, die das ermöglichen. Ich denke, das wäre etwas, was mir gefallen könnte. Bei den letzten Geburten hatte ich mir immer den Geburtshocker gewünscht, wozu es aber nicht kam. Heute weiß ich, dass mir die Hohlkreuz-Position bzw. das nach hinten gebeugt sein, gar nicht liegt. Was definitiv nicht stattfinden wird, solange ich bei Bewusstsein und im Besitzt all meiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten bin: eine Geburt im Liegen, auf dem Rücken. NIEMALS wieder! Man kann, so glaub ich, nicht widernatürlicher gebären.

Zu guter Letzt riet Claudia mir noch dazu, Kräuterblut und einen Schwangerschaftstee zu besorgen, damit ich ein bisschen besser in Saft und Kraft komme. Die lange gesundheitliche Abgeschlagenheit könne sich sonst früher oder später auch noch auf die Schwangerschaft auswirken. Ich füge mich und werde beides kaufen.

Ansonsten bliebe noch zu sagen: liefe derzeit alles so gut und rund, wie diese Schwangerschaft, ich hätte keinen Grund zu Klagen. Leider hat unser leben derzeit aber noch ein paar Baustellen, auf denen ich das Hämmerchen schwingen muss.

 

Fragen? Nein!

Gestern war Claudia, meine Beleghebamme, das erste Mal in dieser Schwangerschaft bei mir. Wir haben uns zwar in der Zwischenzeit dann und wann gesehen, da wir inzwischen wirklich ein sehr gutes Verhältnis haben, aber gestern war dies nun der erste offizielle Termin.

Nein, ich hatte keine Fragen. Sie tastete meinen Bauch ab („Oh, für die 18. Woche ist es aber schon schön groß!“) und wir lauschten dem Herzschlag („140 Schläge pro Minute. Ganz wunderbar.“). Das war eigentlich alles, was wir in Sachen Schwangerschaft konkret besprachen. Der Rest war viel Erinnerung. An die erste Zeit mit zwei Kindern, meinem für mich total schrecklichen Erlebnis mit der Stillgruppe, das Claudia aus meiner Sicht – wie ich es heute schildern kann – gut nachvollziehen kann. Vielleicht schreibe ich irgendwann noch mal was dazu.

Und über die Zeit, in der der Miezmann nicht bei uns sein konnte. Sie sagte, sie hätte mich bewundert, wie gelassen und stark ich gewesen wäre, wie gut ich alles hinbekommen und gemanagt hätte und dass ich nie gejammert oder geklagt hätte. Und sie meinte, dass es kein Wunder gewesen sei, dass ich nach der Rückkehr des Mannes, dem Umzug und der ganzen turbulenten Zeit in dieses seelische Tief geraten sei. Das hatte ich fast vergessen.

Letztes Jahr um diese Zeit ging es mir gar nicht gut. Körperlich. Seelisch. Ich war total ausgebrannt und am Ende. Ich weiß nicht, wie ich da eigentlich rausgekommen bin, aber ich weiß, dass es mir heute wieder ganz wunderbar geht und ich glücklich und zufrieden bin. Claudia sagt, das sähe man mir an.

Ende Januar werden wir uns wieder sehen. Das ist auch ausreichend früh, wie ich finde.

In dieser Schwangerschaft mache ich viel mit mir selber aus. Das Maimiez und ich kommunizieren abends und im Bett miteinander. Tagsüber hält es sich dezent zurück und ich vergesse noch recht oft, dass es da ist. Dann stupst es mich kurz an, ich erinnere mich und muss lächeln.

Auch wenn in 2,5 Wochen schon Halbzeit ist, so scheint es bis Mai noch ewig hin zu sein. Alle Vorbereitungen, die getroffen  werden müssten, lassen sich in einer Woche abarbeiten. Das neue Jahr scheint noch in so weiter Ferne zu liegen und dabei ist in 9 Tagen schon Weihnachten.

Zeit, ja Zeit ist im Moment so ziemlich die wirrste und variierenste Maßeinheit in meinem Leben. Wochentage merke ich mir anhand von Essgewohnheiten meiner Jungs: Morgen gibt es Müsli zum Frühstück und vor zwei Tagen musste ich den Jungs keine Frühstückbrote schmieren. Dann muss heute Donnerstag sein.

leidvolle Erfahrung

Wie ich mich mal überwand einen Arzt aufzusuchen und dies binnen Minuten abgrundtief bereute.

Heute also dann tatsächlich nach über 5 Jahren bei einem sogenannten Allgemeinmediziner gewesen. In erster Linie ging ich auf Grund meiner Steißschmerzen, die sich die letzten Wochen und Tage nicht mal mehr in Worte fassen ließen. Sitzen geht kaum, schon gar nicht auf weichen Untergründen wie dem Sofa oder dem Autositz. Noch weniger geht Aufstehen aus dem Sitzen ohne Hilfe. Ich überwand also meine Hausarztphobie und schleppte mich zu Arzt X am neuen Wohnort. Schon beim Betreten der Praxis bekam ich Panik. Alles 70er Jahre braun-beige.

Das erste was ich tun muss: einen blanko Abrechnungsschein unterschreiben. Erst dann reiche ich die Praxisgebühr und dann meine Krankenkassenkarte. Das Fräulein hinter der Theke ist freundlich.

Ich klage dem Arzt (um die 60 würde ich schätzen) mein Leid. Seine Untersuchungsmethoden sind gewöhnungsbedürftig. Ich darf mich mit nacktem Popo auf eine Behandlungsliege setzen, dann haut er mit der Faust auf mein Kreuzbein, mehrfach, und fragt, ob das wehtut. Da ich weiß  worauf er hinaus will sage ich nein. Unnötig zu erwähnen, dass es natürlich weh tut, wenn einem jemand mit der Faust aufs Kreuzbein schlägt!

Dann drückt er mit den Daumen auf den Steiß, ich schreie auf und würde mit einem Satz von der Liege sein, täte das nicht so abartig weh. Er sagt „Aha!“ und drückt noch ein bisschen links und rechts neben dem Steiß, bzw. der Stelle, an der das Steiß sitzen soll, während mir die Tränen das Make-up versauen. „Fraktur“, sagt er nüchtern. „Und da kommen Sie erst jetzt?“ Meine vorherige Erklärung, ich sei jetzt lange mit zwei sehr kleinen Kindern alleine gewesen und hätte nicht die Gelegenheit gefunden, zum Arzt zu gehen, scheint er vergessen zu haben.

„Schmerzmitteltherapie, mehr kann man da nicht machen. Aber Sie stillen ja.“

Und dann kommt das, was mich so unglaublich aus der Fassung bringt. Der Arzt fragt mich ernsthaft, warum ich mein fast sechsmonatealtes Baby immer noch Stillen würde? Es wäre doch längst bewiesen, dass das Stillen ab dem 6. Monat überhaupt nichts mehr bringen würde. Von wegen Immunsystem und so. Ich sollte schleunigst Abstillen und wenn ich dazu nicht bereit wäre, dann dürfe ich mich auch nicht beschweren.

Er schrieb mir dann noch Ben-u-ron auf und gab mir eine Überweisung zum Gynäkologen. Der könne den Grad der Fraktur besser beurteilen. „Aber machen kann man da eh nix!“ Ich verließ mehr als be- und überstürzt die Praxis.

Nachdem ich der Herzfreundin am Telefon unter reichlich Tränen von meiner leidvollen Arzterfahrung berichtete, brachte sie mich dann darauf, doch meine Hebamme anzurufen. Natürlich! Wieso bin ich da nicht früher draufgekommen.

Hebamme Claudia sagt, dass sehr viele Frauen Steißprobleme nach der Geburt haben würde und dass der Arzt mit ein bisschen Tasten sicher nicht eine Fraktur von einer Luxation unterscheiden könne. Beides täte über die Maßen weh und auch sie verstand nicht, was ich damit bei einem Gynäkologen solle. Eine vernünftige Physiotherapie wäre da sicher der richtigere Weg. Und das mit dem Stillen will sie mal nicht gehört haben, sonst würde sie da nur vorbei fahren und dem Arzt mal die Meinung geigen.

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Merke: solange Du Stillst hast Du kein Recht über Schmerzen zu klagen. Und weil Du nicht früher beim Arzt warst bist Du es ohnehin selber schuld, wenn es weh tut.

Das schlimme daran ist, dass das so Sprüche sind, die auch von meiner Mutter kommen könnten. Mir fehlt aktuell so ein bisschen Mitgefühl, Verständnis und Unterstützung (moralische) von meinem Umfeld. Vermutlich möchte ich mich deshalb gerade am liebsten einigeln.

Kommendes Jahr dann ein erneuter Versuch einen Allgemeinarzt zu finden, der mich zu einem Physiotherapeuten überweist, meine Symptome nicht seiner Diagnose anpasst (er schrieb auf einen Notizzettel, dass ich über starke Steißschmerzen unmittelbar nach der Geburt klagen würde, was nicht stimmt. Ich habe extra deutlich gesagt, dass die Schmerzen erst später kamen. Das war nämlich im Herbsturlaub!) und mir das Gefühl gibt, mich zumindest in Ansätzen ernst zu nehmen.

Weihnachten und Silvester übersteh ich mit Paracetamol und Ben-u-ron. Und einem Sitzkringel (den ich mir aus Wut vielleicht sogar selber nähe!).

Der Löwenmäulchen-Geburtsbericht

Es ist Mittwoch, ET+8, als ich direkt nach dem Aufstehen einen enorm großen und blutigen Schleimpfropf verliere. Den Zweiten. Dazu habe ich Durchfall. Beides für sich hatten wir in den letzten Tagen schon, aber gemeinsam sind sie bisher noch nicht aufgetreten. Ich glaube dennoch nicht, dass es heute losgehen könnte.

Ab 9 Uhr nehme ich halbstündlich 10 Tropfen Cimicifuga, wie von meiner Hebamme Claudia geraten. Bei einem geburtsbereiten Baby soll die Einnahme zu Wehen führen und weil ich der festen Überzeugung bin, dass mein Baby sehr geburtsbreit ist, bin ich recht optimistisch. Gegen Mittag sind da zwar dann auch regelmäßige Wehen, aber nichts, was man als Beginn einer Geburt bezeichnen könnte. So fahren der Mann und ich zu meiner Schwester, um den Quietschbeu zu besuchen. Der kleine Mann fehlt uns doch sehr.

Wir verbringen einen sehr schönen Nachmittag gemeinsam im Garten meiner Schwester. Der Quietschbeu badet in einer großen Wanne, wir essen Kirschen und der Mizemman tobt mit dem Kleinen umher. Lautes Lachen und Quietschen, dazu Sonne und Wind. Ich fühle mich sehr gut und die Wehen sind auch eher seltener, als häufiger geworden. Nun ja.

Gegen 17 Uhr machen wir uns auf den Heimweg und zum ersten Mal weint der Quietschbeu kurz, als wir uns verabschieden. Eine Minute später im Auto bekomme ich die erste richtige Wehe. Was diese zu einer Richtigen macht kann man nicht erklären, das muss mal halt erlebt haben. Jede Frau, die schon mal ein Kind geboren hat, wird wohl wissen, was ich meine.

Zu allem Übel fahren wir mitten in den Feierabendverkehrt hinein und brauchen für die 20 Minuten Strecke über eine Stunde. Die fiesen Wehen kommen pünktlich alle10 Minuten und tun bereits sehr weh. Ich atme und atme und deute dem Mann zeitgleich an, nicht zu reden. Er kennt das schon und ist still.

Als die Wehen gegen 19 Uhr alle fünf Minuten kommen rufe ich Claudia an, die mir anbietet vorbei zu kommen. Wir könnten aber auch zu ihr kommen. Da mir der Gedanken, wartend auf dem Sofa zu sitzen, gar nicht gefällt, fahren wir kurzerhand zu ihr. Im Garten schreibt sie ein CTG und untersucht mich anschließend. Gute vier Zentimeter ist der Muttermund bereits geöffnet. Alles ist butterweich und der Gebärmutterhals ist komplett verstrichen. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber „unter der Geburt“ bin ich noch nicht. Eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung macht sich bei mir breit.

Wir fahren also wieder nach Hause, wo ich mir zwei Bällchen Wallnusseis gönne und dann auf dem Sofa sitzend Wehen veratme. Irgendwann gegen 23 Uhr zicke ich den Miezmann an, dass wir doch ins Bett gehen wollten und trotte davon. Die Wehen werden immer stärker und bleiben sehr regelmäßig bei 5 Minuten. Als der Mann dann ein paar Minuten später nach kommt, kann ich mich doch entspannen und schlafe zwischen den Wehen sogar ein. Ob ich bei jeder Wehe wach geworden bin, weiß ich nicht mehr, aber um 1.19 Uhr reißt mich eine besonders heftige Wehe aus dem Schlaf.

Ich tapse auf die Toilette, weil ich das Gefühl habe, ich müsste ganz dringend aufs Klo. Alles drückt nach unten und der Druck in meiner Gebärmutter ist enorm. Das ganze Spiel wiederholt sich bei den folgenden zwei Wehen, die in 3 Minuten-Abständen kommen. Nach dem dritten Klobesuch und diversen Wehen, die ich auf das Waschbecken gestützt veratme, stehe ich mit Tränen in den Augen vor dem Bett und wecke leise den Mann. Ich hab ein wenig Angst ihn umsonst zu wecken, aber die Schmerzen werden immer unerträglicher.

Ich sage, dass ich Wehen habe, woraufhin er mich fragt, in welchen Abständen. Ich antworte „3 Minuten“ und er antwortet, dass wir dann ja schon längst im Krankenhaus sein müssten. Ich werde ein bisschen panisch, heule los und schleppe mich ins Wohnzimmer, während der Mann sich die Zähne putzt und anzieht.

Ich rufe Claudia an und heule sofort in den Hörer, dass sie kommen muss. Es ist kurz nach 2 Uhr.

Inzwischen stehe ich alle 3 Minuten vor dem Sofa, mit den Unterarmen auf die Rückenlehne gelehnt und atme leicht zitternd durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Mein Rückgrat scheint zu brechen und der Druck ist enorm. Als Claudia kommt weine ich nicht mehr. Ich bin damit beschäftigt mich auf die Wehen und das Veratmen zu konzentrieren. Sie lobt mich, dass ich das ganz toll machen würde und bereitet auf dem Sofa alles für eine Untersuchung vor.

„7 Zentimeter“, vermeldet sie wenig später und trotz Hammerwehe und unerträglichem Schmerz bin ich einen Moment lang euphorisch. 7 Zentimeter sind mehr, als die halbe Miete. So verzichtet Claudia dann auch darauf ein CTG zu schreiben. Dass ich Wehen habe ist ganz deutlich zu sehen, auch ohne CTG und sie würde lieber direkt mit uns ins Krankenhaus fahren.

Wenige Minuten später stehen wir an der Wohnungstür, warten die letzte Wehe ab und rennen dann durch den Hausflur. Tatsächlich begegnen wir sogar noch einem Nachbarn, der aber nur irritiert guckt. Es ist 3 Uhr nachts.

Bis zum Krankenhaus sind es nur 3 Minuten. Auf dem Parkplatz, gerade im Begriff auszusteigen, packt mich die nächste Wehe. Mir geht jegliches Zeitgefühl flöten. Claudia und der Miezmann bringen mich auf die Entbindungsstation, 5.Etage und steuern auf die Kreißsäle zu. Als die große Glastür vor uns aufschwingt ertönt sofort verzweifeltes Brüllen und Geschrei einer Gebärenden in der Austreibungsphase. Das war nicht, was ich hören wollte und erschrocken halte ich mir die Ohren zu und schüttel den Kopf. Ich folge Claudia den Gang entlang und erhasche einen Blick auf eine Frau, die im Aufnahmeraum steht und ein CTG im Stehen geschrieben bekommt.

Wir erfahren, dass alle drei Kreißsäle belegt sind und landen schließlich in einem kleinen Räumchen, in dem ein Bett und das Intensivbett für Neugeborenen stehen. Claudia legt mir das CTG an und verlässt uns kurzfristig, um einen Kreißsaal zu organisieren und uns anzumelden. Erneut schreit eine Frau, als ginge es um ihr Leben. Eine weitere Geburt beginnt bzw. endet im Raum gegenüber. Ich habe Angst. Zum ersten Mal in dieser Schwangerschaft habe ich vor der Geburt Angst. Diese Schmerzen, die einen dazu verleiten zu brüllen, fluchen, schreien … die schwappen wieder in meine Erinnerung. Und das doofe CTG zeichnet keine einzige meiner Wehen auf. Nicht, dass ich dies bräuchte um von meinen Wehen als echte, geburtseinleitende überzeugt zu sein. Aber dennoch frage ich mich unweigerlich, ob ich ein Weichei bin oder das CTG Gerät kaputt.

Claudia kommt zurück und stellt fest, dass das CTG Gerät eine alte Gurke ist. Die Herztöne des Babys sind aber wunderbar und bilderbuchmäßig. Wir dürfen folglich ein bisschen den Flur auf und ab schlurfen.

Die Frau in der Kreißsaal-Aufnahme hat ihr Kind eben gerade genau dort entbunden. Hoppla hopp. Einfach so.

Weit kommen wir nicht, weil ich alle drei Minuten wehe und dazwischen nur sehr langsam gehen kann. Mein Rücken schmerzt enorm, so, als würde ich in der Mitte brechen. Bei jeder Wehe stütze ich mich auf die Holzhandläufe, die an der Wand befestigt sind. Leider haben die eine doofe Höhe und sind viel zu niedrig. Wir landen also im Bistro, das unmittelbar und direkt vor der Tür zu den Kreißsälen liegt. Hier stütze ich mich auf die Theke vom Frühstückbuffet, strecke den Po raus, drücke die Hand des Mannes und summe, während ich atme. Die Schmerzen sind unerträglich.

Claudia vermeldet die Eroberung eines Kreißsaals und wir beziehen eben diesen. Es ist derselbe, in dem schon der Quietschbeu vor 14 Monaten zur Welt kam. Damals haben wir ganze 20 Stunden darin verbracht.

Kurze Zeit später liege ich in der großen Kreißsaalwanne und bade in Rosmarinöl. Das soll anregend wirken und ich kann die Wirkung nur bestätigen. Die Wehen werden immer kräftiger, intensiver, länger. Ich schließe bei jeder Wehe die Augen, atme tief in den Bauch, verharre kurz und atme dann langsam durch den Mund aus. Vier, fünf Mal, dann ebbt die Wehe wieder ab. Nach einer Weile laufen mir sogar die Tränen stumm über die Wangen. Ich habe höllische Panik, dass ich hier wieder stundenlang rumwehen muss, solche Wehen ertragen muss und zum Schluss wieder nur Millimeter für Millimeter unserem Ziel näher komme.

Claudia beruhigt mich leise, der Mann hält meine Hand und wischt mir mit einem kühlen Lappen über die Stirn und durch den Nacken. Er reicht mir immer wieder Wasser und ist einfach nur da. Ich bin sehr dankbar. Claudia sagt, dass die Wehen jetzt genau die richtige Intensität und Länge hätten, um die Fruchtblase zum Springen zu bringen. Aber die Fruchtblase steht weiterhin wie eine Eins, trotz Wehen, die ich von der ersten Geburt her nicht kannte. Diese Schmerzen sind intensiver, fester und gehen tiefer.

Ich soll aus der Wanne aussteigen, weil Claudia mich gerne noch mal untersuchen würde. Ich brauche drei Anläufe und vier Wehen, bis ich endlich wieder senkrecht stehe und weitere drei Wehen, bis ich aus der Wanne gestiegen bin bzw. der Mann mich herausgehoben hat. Mit Claudia trocknet er mich ein wenig ab, streift mir mein Geburtshemdchen über und führt mich zum Bett. Alleine das Hinlegen schmerzt so sehr, dass ich eigentlich gerne sofort wieder aufspringen möchte. Im Liegen sind die Wehen viel schwieriger zu Veratmen und zu ertragen.

Claudia setzt zur Untersuchung an und ich höre nur noch ein „9 Zentimeter“ bevor mich die nächste Wehe erfasst. Zu allem Übel spüre ich, wie Claudia die Wehe nutzt, um den Muttermund zu dehnen, was die Schmerzen der Wehe noch zusätzlich verstärkt. Ich rufe „Hör auf damit!“, doch sie antwortet nur, dass der Muttermund ganz über das Köpfchen drüber muss. Ich verstehe und ertrage. Wenn ich weiß, was sie warum tut, ist es besser auszuhalten.

Zwei, drei Wehen, vielleicht auch fünf, dann erklärt mir Claudia, dass sie die Fruchtblase bei der nächsten Wehe öffnen würde. Von alleine würde sie nicht platzen und das kleine Löwenmäulchen könnte so nicht tiefer in den Geburtskanal rutschen. Ich nicke und hoffe stumm, dass mit dem Sprenger der Blase der Druck in meinem Bauch ein wenig nachlassen würde.

Dann kommt die nächste Wehe und ich spüre, wie Claudia bohrt und drückt. Ich höre oder spüre kein Knacken, nur, dass der Druck nachlässt, das Fruchtwasser aus mir heraus schießt und dann glaube ich ernsthaft sterben zu müssen. Ich habe sofort eine Presswehe. Ohne Ankündigung!

Von der Presswehe völlig überrumpelt schreie ich wie am Spieß. So, als wolle mich jemand erstechen. Ich schreie ernsthaft um mein Leben!

Zwar habe ich beim Quietschbeu die Presswehen gespürt, aber sie waren auf Grund der nachlassenden PDA ganz anders. Nicht so! Ich dachte damals, mein Rückgrat würde brechen. Diesmal habe ich eher das Gefühl, mein Unterleib würde einfach in tausend Teile zerfetzt. Und Tatsächlich ist mir nicht einmal bewusst, dass das eine Presswehe ist. Ich habe gedacht, dass wäre jetzt einfach eine nächste Stufe auf der Schmerzskala und mir war sofort klar: das hältst du nicht lange aus. Du musst jetzt sterben.

Claudia ruft, dass ich in den Vierfüßler gehen soll und ich presse hervor, dass ich das nicht schaffe. Eine Ärztin kommt herein, angelockt von meinem Schrei und fragt, ob es hier jetzt los ginge. Claudia bejaht und ich bin ganz überrumpelt. „Ja?“

„So …“ – ich sitze breitbeinig auf dem Kreißsaalbett – „wirst Du das Kind sicher nicht bekommen!“, erklärt Claudia knapp und hievt mich anschließend gemeinsam mit dem Miezmann in den Vierfüßler. Das Kopfteil des Bettes wird hochgefahren, ich hänge mit dem Oberkörper darüber, umklammere die Hand des Mannes und rufe „Was soll ich tun?“

Die Frage mag naiv klingen, aber auch jetzt ist mir nicht bewusst, dass dieser Schmerz eine Presswehe ist. „Press, wenn Du eine Wehe hast!“, weist mich Claudia an und ich bin ernsthaft überrumpelt, dass ich jetzt doch schon pressen darf, soll, kann. Und dass ich ganz alleine entscheiden darf, wann ich pressen will.

Die nächste Presswehe nutze ich und presse wie ein Berserker. Ich beiße in das Bett und quetsche die Hand meines Mannes. Wahnwitziger Weise ist einer meiner Gedanken, dass ich den Mann jetzt nur nicht in die Hand beißen darf und tatsächlich kriege ich das noch irgendwie koordiniert.

Drei Presswehen und ich spüre ganz deutlich, wie der Kopf geboren wird. Oh Gott, das ging so leicht. Jetzt ist es geschafft. Der Kopf ist die härteste Arbeit. Und so will ich noch einmal pressen, um auch den Rest meines Kindes raus zu schieben. Doch plötzlich werde ich angehalten, soll warten, atmen und hecheln. Im Leben hätte ich nicht geglaubt, dass man sich – während ein Kind mitten im Geburtskanal steckt –in einer Wehenpause tatsächlich sowas wie erholen kann. Ich veratme die nächste Presswehe irgendwie, dann darf ich wieder schieben und pressen. Ich spüre die Hürde, die da plötzlich doch noch zu nehmen ist, gebe alles, drücke, presse und genieße ihm nächsten Moment dieses nasse, flutschige Gefühl, als das Kind aus mir heraus und zwischen meine Schenkel gleitet.

Das Löwenmäulchen ist geboren, um 6:10 Uhr an einem Donnerstag. Ich streichle ihn sofort, nehme ihn hoch und drücke ihn sachte an mich. Endlich.

***

Das Löwenmäulchen kam mit einem Kopfumfang von 36cm auf die Welt, was gar kein Problem darstellte. Leider hatte er aber auch einen Schulterumfang von 43cm, weshalb ich zum Ende hin kurz innehalten musste. Dammriss zweiten Grades. Ein Geschenk, im Gegensatz zu einem Dammschnitt. Die Hebammen und Ärzte der Station verliehen mir in den folgenden Tagen immer wieder verbale Medaillen für die Leistung eine 43cm Schulter gepresst zu haben. Selbst Claudia hat laut eigener Aussage sowas in all ihren Jahren Berufserfahrung noch nicht erlebt.

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ET+2

So optimistisch der Abgang des Schleimpfropfs mich gestern noch stimmte, so pessimistisch war ich heute. Statt Wehen setzen gestern Nachmittag nämlich Rückenschmerzen ein. Anhaltend und sehr stark, so dass ich kaum wusste, wie ich sitzen sollte. Auch heute Morgen waren diese nicht verschwunden, als der Quietschbeu Rotz und Wasser heulend wach wurde, sich an mich klammerte und fortan nicht mehr los lassen wollte.

Der Morgen war ein einziges Tränenbad. Der Quietschbeu weinte, weil er auf meinen Arm wollte, weil er direkt neben mir sitzen wollte, weil er mich permanent und ständig in Sichtweite haben wollte. Ich weinte, weil ich Schmerzen hatte, der Quietschbeu weinte und ich ihm nicht gerecht werden konnte, etc.

Um 9 Uhr rief ich meine große Schwester an. Heulend. Ohne viele Worte verstand sie sofort und war 30 Minuten später hier. Gemeinsam spielten wir mit dem Quietschbeu, sie nahm ihn mir einfach mal ab und ich konnte durchatmen, auch wenn ich die ganze Zeit dabei blieb. Es war mehr so eine mentale Entlastung. Denn am meisten quält mich das schlechte Gewissen, dem Quietschbeu derzeit nicht bieten zu können, was er fordert.

Gegen Mittag kam der Miezmann heim und löste quasi meine Schwester ab. Der Quietschbeu hatte dann aber auch schon Mittagsschlafzeit. Ich weinte dennoch ständig. Diese Schuldgefühle und dieses „nicht loslassen können“ ist stärker, als ich je erwartet hätte.

Um 13:30 Uhr kam Claudia. Wieder brach ich direkt in Tränen aus. Schmerzen, aber keine Wehen. So ernüchternd. Das CTG schrieb etwas anderes auf, nämlich permanente Wehen. Allerdings unregelmäßig stark. Ich bekam Akupunkturnadeln in den kleinen Zeh (ich schrie dabei und heulte gleich wieder!), in die Hände (austreibend) und in den Kopf (beruhigend).

Wir unterhielten und gut und ich konnte noch mal meine derzeitige emotionale Lage schildern. Diese scheiß Verzweiflung und Sorge um den Quietschbeu.

Es war dann Claudia, die sagte, was ich schon wusste und was der Miezmann gestern schon vorgeschlagen hatte: „Gebt den Quietschbeu doch heute schon zu Deiner Schwester. Wie willst Du Wehen bekommen, wenn Du ständig das Gefühl hast, dass Du da gar keine Zeit für hast?“ Peng. Ja. Recht hat sie. Recht hatte auch gestern schon der Miezmann.

Also rief ich meine Schwester wieder an und fragte, ob der Miezmann den Kleinen heute vorbei bringen könnte. Wenn‘s dann los geht, geht’s los. Wenn nicht, holen wir ihn eben morgen über übermorgen wieder ab. Aber wir hätten dann einfach mal einen Abend und eine Nacht für uns und den Herrn Minimiez. Claudia sagte nämlich einen ganz entscheidenden Satz: „Der kleine ungeborene Junge da, der hat nämlich auch ein Anrecht auf seine Mama.“

Und so fuhr der Miezmann den Quietschbeu nach tränenreichem Abschied meinerseits zu meiner Schwester, ich ging mit der Herzfreundin einen eiskalten Kaffee trinken und seither bin ich … ohne Kind und ohne Verpflichtung. Noch fühlt sich das komisch an.

Die Wehen wurden nach Claudias Besuch erst stärker und stärker … sind inzwischen aber fast schon wieder weg. Ich bin leicht frustriert und werde heute Abend das kleine Glas Rotwein nippen, zu dem sie mir riet. Der Rest ist entspannen und warten … na denn.Flattr this