Es ist Mittwoch, ET+8, als ich direkt nach dem Aufstehen einen enorm großen und blutigen Schleimpfropf verliere. Den Zweiten. Dazu habe ich Durchfall. Beides für sich hatten wir in den letzten Tagen schon, aber gemeinsam sind sie bisher noch nicht aufgetreten. Ich glaube dennoch nicht, dass es heute losgehen könnte.
Ab 9 Uhr nehme ich halbstündlich 10 Tropfen Cimicifuga, wie von meiner Hebamme Claudia geraten. Bei einem geburtsbereiten Baby soll die Einnahme zu Wehen führen und weil ich der festen Überzeugung bin, dass mein Baby sehr geburtsbreit ist, bin ich recht optimistisch. Gegen Mittag sind da zwar dann auch regelmäßige Wehen, aber nichts, was man als Beginn einer Geburt bezeichnen könnte. So fahren der Mann und ich zu meiner Schwester, um den Quietschbeu zu besuchen. Der kleine Mann fehlt uns doch sehr.
Wir verbringen einen sehr schönen Nachmittag gemeinsam im Garten meiner Schwester. Der Quietschbeu badet in einer großen Wanne, wir essen Kirschen und der Mizemman tobt mit dem Kleinen umher. Lautes Lachen und Quietschen, dazu Sonne und Wind. Ich fühle mich sehr gut und die Wehen sind auch eher seltener, als häufiger geworden. Nun ja.
Gegen 17 Uhr machen wir uns auf den Heimweg und zum ersten Mal weint der Quietschbeu kurz, als wir uns verabschieden. Eine Minute später im Auto bekomme ich die erste richtige Wehe. Was diese zu einer Richtigen macht kann man nicht erklären, das muss mal halt erlebt haben. Jede Frau, die schon mal ein Kind geboren hat, wird wohl wissen, was ich meine.
Zu allem Übel fahren wir mitten in den Feierabendverkehrt hinein und brauchen für die 20 Minuten Strecke über eine Stunde. Die fiesen Wehen kommen pünktlich alle10 Minuten und tun bereits sehr weh. Ich atme und atme und deute dem Mann zeitgleich an, nicht zu reden. Er kennt das schon und ist still.
Als die Wehen gegen 19 Uhr alle fünf Minuten kommen rufe ich Claudia an, die mir anbietet vorbei zu kommen. Wir könnten aber auch zu ihr kommen. Da mir der Gedanken, wartend auf dem Sofa zu sitzen, gar nicht gefällt, fahren wir kurzerhand zu ihr. Im Garten schreibt sie ein CTG und untersucht mich anschließend. Gute vier Zentimeter ist der Muttermund bereits geöffnet. Alles ist butterweich und der Gebärmutterhals ist komplett verstrichen. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber „unter der Geburt“ bin ich noch nicht. Eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung macht sich bei mir breit.
Wir fahren also wieder nach Hause, wo ich mir zwei Bällchen Wallnusseis gönne und dann auf dem Sofa sitzend Wehen veratme. Irgendwann gegen 23 Uhr zicke ich den Miezmann an, dass wir doch ins Bett gehen wollten und trotte davon. Die Wehen werden immer stärker und bleiben sehr regelmäßig bei 5 Minuten. Als der Mann dann ein paar Minuten später nach kommt, kann ich mich doch entspannen und schlafe zwischen den Wehen sogar ein. Ob ich bei jeder Wehe wach geworden bin, weiß ich nicht mehr, aber um 1.19 Uhr reißt mich eine besonders heftige Wehe aus dem Schlaf.
Ich tapse auf die Toilette, weil ich das Gefühl habe, ich müsste ganz dringend aufs Klo. Alles drückt nach unten und der Druck in meiner Gebärmutter ist enorm. Das ganze Spiel wiederholt sich bei den folgenden zwei Wehen, die in 3 Minuten-Abständen kommen. Nach dem dritten Klobesuch und diversen Wehen, die ich auf das Waschbecken gestützt veratme, stehe ich mit Tränen in den Augen vor dem Bett und wecke leise den Mann. Ich hab ein wenig Angst ihn umsonst zu wecken, aber die Schmerzen werden immer unerträglicher.
Ich sage, dass ich Wehen habe, woraufhin er mich fragt, in welchen Abständen. Ich antworte „3 Minuten“ und er antwortet, dass wir dann ja schon längst im Krankenhaus sein müssten. Ich werde ein bisschen panisch, heule los und schleppe mich ins Wohnzimmer, während der Mann sich die Zähne putzt und anzieht.
Ich rufe Claudia an und heule sofort in den Hörer, dass sie kommen muss. Es ist kurz nach 2 Uhr.
Inzwischen stehe ich alle 3 Minuten vor dem Sofa, mit den Unterarmen auf die Rückenlehne gelehnt und atme leicht zitternd durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Mein Rückgrat scheint zu brechen und der Druck ist enorm. Als Claudia kommt weine ich nicht mehr. Ich bin damit beschäftigt mich auf die Wehen und das Veratmen zu konzentrieren. Sie lobt mich, dass ich das ganz toll machen würde und bereitet auf dem Sofa alles für eine Untersuchung vor.
„7 Zentimeter“, vermeldet sie wenig später und trotz Hammerwehe und unerträglichem Schmerz bin ich einen Moment lang euphorisch. 7 Zentimeter sind mehr, als die halbe Miete. So verzichtet Claudia dann auch darauf ein CTG zu schreiben. Dass ich Wehen habe ist ganz deutlich zu sehen, auch ohne CTG und sie würde lieber direkt mit uns ins Krankenhaus fahren.
Wenige Minuten später stehen wir an der Wohnungstür, warten die letzte Wehe ab und rennen dann durch den Hausflur. Tatsächlich begegnen wir sogar noch einem Nachbarn, der aber nur irritiert guckt. Es ist 3 Uhr nachts.
Bis zum Krankenhaus sind es nur 3 Minuten. Auf dem Parkplatz, gerade im Begriff auszusteigen, packt mich die nächste Wehe. Mir geht jegliches Zeitgefühl flöten. Claudia und der Miezmann bringen mich auf die Entbindungsstation, 5.Etage und steuern auf die Kreißsäle zu. Als die große Glastür vor uns aufschwingt ertönt sofort verzweifeltes Brüllen und Geschrei einer Gebärenden in der Austreibungsphase. Das war nicht, was ich hören wollte und erschrocken halte ich mir die Ohren zu und schüttel den Kopf. Ich folge Claudia den Gang entlang und erhasche einen Blick auf eine Frau, die im Aufnahmeraum steht und ein CTG im Stehen geschrieben bekommt.
Wir erfahren, dass alle drei Kreißsäle belegt sind und landen schließlich in einem kleinen Räumchen, in dem ein Bett und das Intensivbett für Neugeborenen stehen. Claudia legt mir das CTG an und verlässt uns kurzfristig, um einen Kreißsaal zu organisieren und uns anzumelden. Erneut schreit eine Frau, als ginge es um ihr Leben. Eine weitere Geburt beginnt bzw. endet im Raum gegenüber. Ich habe Angst. Zum ersten Mal in dieser Schwangerschaft habe ich vor der Geburt Angst. Diese Schmerzen, die einen dazu verleiten zu brüllen, fluchen, schreien … die schwappen wieder in meine Erinnerung. Und das doofe CTG zeichnet keine einzige meiner Wehen auf. Nicht, dass ich dies bräuchte um von meinen Wehen als echte, geburtseinleitende überzeugt zu sein. Aber dennoch frage ich mich unweigerlich, ob ich ein Weichei bin oder das CTG Gerät kaputt.
Claudia kommt zurück und stellt fest, dass das CTG Gerät eine alte Gurke ist. Die Herztöne des Babys sind aber wunderbar und bilderbuchmäßig. Wir dürfen folglich ein bisschen den Flur auf und ab schlurfen.
Die Frau in der Kreißsaal-Aufnahme hat ihr Kind eben gerade genau dort entbunden. Hoppla hopp. Einfach so.
Weit kommen wir nicht, weil ich alle drei Minuten wehe und dazwischen nur sehr langsam gehen kann. Mein Rücken schmerzt enorm, so, als würde ich in der Mitte brechen. Bei jeder Wehe stütze ich mich auf die Holzhandläufe, die an der Wand befestigt sind. Leider haben die eine doofe Höhe und sind viel zu niedrig. Wir landen also im Bistro, das unmittelbar und direkt vor der Tür zu den Kreißsälen liegt. Hier stütze ich mich auf die Theke vom Frühstückbuffet, strecke den Po raus, drücke die Hand des Mannes und summe, während ich atme. Die Schmerzen sind unerträglich.
Claudia vermeldet die Eroberung eines Kreißsaals und wir beziehen eben diesen. Es ist derselbe, in dem schon der Quietschbeu vor 14 Monaten zur Welt kam. Damals haben wir ganze 20 Stunden darin verbracht.
Kurze Zeit später liege ich in der großen Kreißsaalwanne und bade in Rosmarinöl. Das soll anregend wirken und ich kann die Wirkung nur bestätigen. Die Wehen werden immer kräftiger, intensiver, länger. Ich schließe bei jeder Wehe die Augen, atme tief in den Bauch, verharre kurz und atme dann langsam durch den Mund aus. Vier, fünf Mal, dann ebbt die Wehe wieder ab. Nach einer Weile laufen mir sogar die Tränen stumm über die Wangen. Ich habe höllische Panik, dass ich hier wieder stundenlang rumwehen muss, solche Wehen ertragen muss und zum Schluss wieder nur Millimeter für Millimeter unserem Ziel näher komme.
Claudia beruhigt mich leise, der Mann hält meine Hand und wischt mir mit einem kühlen Lappen über die Stirn und durch den Nacken. Er reicht mir immer wieder Wasser und ist einfach nur da. Ich bin sehr dankbar. Claudia sagt, dass die Wehen jetzt genau die richtige Intensität und Länge hätten, um die Fruchtblase zum Springen zu bringen. Aber die Fruchtblase steht weiterhin wie eine Eins, trotz Wehen, die ich von der ersten Geburt her nicht kannte. Diese Schmerzen sind intensiver, fester und gehen tiefer.
Ich soll aus der Wanne aussteigen, weil Claudia mich gerne noch mal untersuchen würde. Ich brauche drei Anläufe und vier Wehen, bis ich endlich wieder senkrecht stehe und weitere drei Wehen, bis ich aus der Wanne gestiegen bin bzw. der Mann mich herausgehoben hat. Mit Claudia trocknet er mich ein wenig ab, streift mir mein Geburtshemdchen über und führt mich zum Bett. Alleine das Hinlegen schmerzt so sehr, dass ich eigentlich gerne sofort wieder aufspringen möchte. Im Liegen sind die Wehen viel schwieriger zu Veratmen und zu ertragen.
Claudia setzt zur Untersuchung an und ich höre nur noch ein „9 Zentimeter“ bevor mich die nächste Wehe erfasst. Zu allem Übel spüre ich, wie Claudia die Wehe nutzt, um den Muttermund zu dehnen, was die Schmerzen der Wehe noch zusätzlich verstärkt. Ich rufe „Hör auf damit!“, doch sie antwortet nur, dass der Muttermund ganz über das Köpfchen drüber muss. Ich verstehe und ertrage. Wenn ich weiß, was sie warum tut, ist es besser auszuhalten.
Zwei, drei Wehen, vielleicht auch fünf, dann erklärt mir Claudia, dass sie die Fruchtblase bei der nächsten Wehe öffnen würde. Von alleine würde sie nicht platzen und das kleine Löwenmäulchen könnte so nicht tiefer in den Geburtskanal rutschen. Ich nicke und hoffe stumm, dass mit dem Sprenger der Blase der Druck in meinem Bauch ein wenig nachlassen würde.
Dann kommt die nächste Wehe und ich spüre, wie Claudia bohrt und drückt. Ich höre oder spüre kein Knacken, nur, dass der Druck nachlässt, das Fruchtwasser aus mir heraus schießt und dann glaube ich ernsthaft sterben zu müssen. Ich habe sofort eine Presswehe. Ohne Ankündigung!
Von der Presswehe völlig überrumpelt schreie ich wie am Spieß. So, als wolle mich jemand erstechen. Ich schreie ernsthaft um mein Leben!
Zwar habe ich beim Quietschbeu die Presswehen gespürt, aber sie waren auf Grund der nachlassenden PDA ganz anders. Nicht so! Ich dachte damals, mein Rückgrat würde brechen. Diesmal habe ich eher das Gefühl, mein Unterleib würde einfach in tausend Teile zerfetzt. Und Tatsächlich ist mir nicht einmal bewusst, dass das eine Presswehe ist. Ich habe gedacht, dass wäre jetzt einfach eine nächste Stufe auf der Schmerzskala und mir war sofort klar: das hältst du nicht lange aus. Du musst jetzt sterben.
Claudia ruft, dass ich in den Vierfüßler gehen soll und ich presse hervor, dass ich das nicht schaffe. Eine Ärztin kommt herein, angelockt von meinem Schrei und fragt, ob es hier jetzt los ginge. Claudia bejaht und ich bin ganz überrumpelt. „Ja?“
„So …“ – ich sitze breitbeinig auf dem Kreißsaalbett – „wirst Du das Kind sicher nicht bekommen!“, erklärt Claudia knapp und hievt mich anschließend gemeinsam mit dem Miezmann in den Vierfüßler. Das Kopfteil des Bettes wird hochgefahren, ich hänge mit dem Oberkörper darüber, umklammere die Hand des Mannes und rufe „Was soll ich tun?“
Die Frage mag naiv klingen, aber auch jetzt ist mir nicht bewusst, dass dieser Schmerz eine Presswehe ist. „Press, wenn Du eine Wehe hast!“, weist mich Claudia an und ich bin ernsthaft überrumpelt, dass ich jetzt doch schon pressen darf, soll, kann. Und dass ich ganz alleine entscheiden darf, wann ich pressen will.
Die nächste Presswehe nutze ich und presse wie ein Berserker. Ich beiße in das Bett und quetsche die Hand meines Mannes. Wahnwitziger Weise ist einer meiner Gedanken, dass ich den Mann jetzt nur nicht in die Hand beißen darf und tatsächlich kriege ich das noch irgendwie koordiniert.
Drei Presswehen und ich spüre ganz deutlich, wie der Kopf geboren wird. Oh Gott, das ging so leicht. Jetzt ist es geschafft. Der Kopf ist die härteste Arbeit. Und so will ich noch einmal pressen, um auch den Rest meines Kindes raus zu schieben. Doch plötzlich werde ich angehalten, soll warten, atmen und hecheln. Im Leben hätte ich nicht geglaubt, dass man sich – während ein Kind mitten im Geburtskanal steckt –in einer Wehenpause tatsächlich sowas wie erholen kann. Ich veratme die nächste Presswehe irgendwie, dann darf ich wieder schieben und pressen. Ich spüre die Hürde, die da plötzlich doch noch zu nehmen ist, gebe alles, drücke, presse und genieße ihm nächsten Moment dieses nasse, flutschige Gefühl, als das Kind aus mir heraus und zwischen meine Schenkel gleitet.
Das Löwenmäulchen ist geboren, um 6:10 Uhr an einem Donnerstag. Ich streichle ihn sofort, nehme ihn hoch und drücke ihn sachte an mich. Endlich.
***
Das Löwenmäulchen kam mit einem Kopfumfang von 36cm auf die Welt, was gar kein Problem darstellte. Leider hatte er aber auch einen Schulterumfang von 43cm, weshalb ich zum Ende hin kurz innehalten musste. Dammriss zweiten Grades. Ein Geschenk, im Gegensatz zu einem Dammschnitt. Die Hebammen und Ärzte der Station verliehen mir in den folgenden Tagen immer wieder verbale Medaillen für die Leistung eine 43cm Schulter gepresst zu haben. Selbst Claudia hat laut eigener Aussage sowas in all ihren Jahren Berufserfahrung noch nicht erlebt.
